Andrea Blatter
20.07.2021
11 Minute(n) zum Lesen
Tipps & Tricks, Sounddesign

Crash! Boom! Bang! So gelingen Hintergrundgeräusche

Viele Podcast-Produktionen leben von ihrer Geräuschkulisse. Ob mitten in der Nacht in einem unheimlichen Wald, in einer tobenden Menschenmenge an einem Konzert oder in einem stillen Museum, in dem nur Flüstern und leise Schritte zu hören sind: Die Hörer:innen fühlen sich, als wären sie direkt vor Ort. Mit Hintergrundgeräuschen und Musik taucht man in die Geschichte ein und lebt mit.

Aber wie entsteht ein perfektes Sounddesign? Wie werden Hintergrundgeräusche aufgenommen? Reicht es, einfach an den Ort des Geschehens zu fahren, dort einige Minuten Geräuschkulisse aufzunehmen und diese dann unter einen Gesprächs-Take zu legen? Manchmal kann das schon genug sein. Häufig braucht es allerdings noch ein bisschen mehr Arbeit. Dafür einige Tipps (viele davon sind selbsterklärend, gehen aber vielleicht im Eifer des Aufnahme-Gefechts doch ab und zu vergessen):

 

1.Grundsätzliches

  • Störgeräusche filtern

Beim Aufnehmen von Sound Effects sollte immer auch ein bisschen des leeren «Hintergrundrauschens» aufgenommen werden. Denn auch wenn es an einem Aufnahmeort still scheint, sind meistens Hintergrundgeräusche vorhanden, die dann erst auf der Aufnahme wirklich hörbar werden. Im Nachhinein kann mit vielen Audio-Programmen noch etwas getrickst werden, dafür muss aber eben auf der Aufnahme ein Abschnitt mit vermeintlicher Stille vorhanden sein, also ein Abschnitt, in dem nur das «Störgeräusch» vorkommt (wie beispielsweise das Summen eines Ventilators oder Rauschen einer Computerlüftung).

  • Aufnahmeplanung erstellen

Es ist immer hilfreich, vor den Aufnahmen einen klaren Plan zu erstellen, welches Geräusch wo vorkommen soll und wo sich die Protagonist:innen (und damit indirekt auch die Zuhörer:innen) im Moment des Geräusches befinden. Ein fahrendes Auto klingt anders, wenn es direkt neben einem vorbeifährt, als wenn es zwei Fahrspuren entfernt ist. Und das Fahrgeräusch eines Autos im Innenraum klingt wiederum ganz anders. 

  • Klare Geräusche wählen

Wichtig ist auch, dass Geräusche explizit und klar identifizierbar sind. Sonst können sie den Hörfluss stören oder die Zuhörer:innen ablenken, wenn diese versuchen, das Geräusch zu erkennen, anstatt der Geschichte zu folgen. Vermeintlich selbsterklärende Geräusche sind nämlich oft gar nicht so einfach zu identifizieren. Soll zum Beispiel ein Fussballspiel das Hintergrundgeräusch sein, reicht es unter Umständen nicht, einfach das dumpfe Geräusch von einem Ball aufzunehmen, der gekickt wird. Mit einer Trillerpfeife des Schiedsrichters oder einigen Zwischenrufen der Spieler:innen hingegen wird schon viel klarer, dass es um Sport geht - und schon befinden sich die Zuhörer:innen mitten auf dem Spielfeld.

  • Bewilligungen einholen

In der Regel können Geräuschkulissen ohne Probleme aufgezeichnet werden. An gewissen Orten, wie zum Beispiel an Bahnhöfen, braucht es allerdings eine Spezialbewilligung für alle Arten von Aufzeichnung. Dies sollte unbedingt im Vorfeld abgeklärt werden.

 

2. Richtiges Equipment

Unterschiedliche Mikrofone zeichnen unterschiedlich auf, auch das sollte beim Aufnehmen beachtet werden. 

Grundsätzlich werden Mikrofone in vier sogenannte «Richtcharakteristiken» unterteilt:

 

Nierenmikrofone:

Sie sind die häufigste Richtform von Mikrofonen und nehmen vor allem Schall von vorne auf, während Schall von hinten oder seitlich nur schwach aufgenommen wird. Nierenmikrofone eignen sich vor allem als Gesangs- oder Sprechmikrofone. Mit diesen Mikrofonen können Geräusche relativ gezielt aufgenommen werden, wenn das Mikrofon auf die Geräuschquelle gerichtet wird.

(Bild: www.gearank.com)

 

Achtermikrofone:

Diese Mikrofone nehmen Schall von vorne und von hinten mit gleicher Intensität auf, Schall von den Seiten wird herausgefiltert. Sie werden zum Beispiel häufig in einem Studiosetting mit zwei Gesprächspartner:innen verwendet.

(Bild: www.gearank.com)

 

Kugelmikrofone:

Diese Mikrofone nehmen Schall von allen Seiten auf. Sie eignen sich zum Beispiel, um ein Orchesterkonzert aufzunehmen, da alle Instrumente rundherum aufgenommen werden und auch der Raumklang auf der Aufnahme hörbar wird. Diese Mikrofone eignen sich beispielsweise für Aufnahmen von Waldgeräuschen oder Aufnahmen von der Geräuschkulisse eines belebten Parks, da sie Geräusche von rundherum aufnehmen.

(Bild: www.gearank.com)

 

Keulenmikrofone:

Keulenmikrofone zeichnen stark in zwei Richtungen auf und filtern sehr viel der seitlichen Geräusche aus. Sie eignen sich zum Beispiel, um Interviews in sehr lauten Umgebungen zu führen. So werden die Interview-Tonspuren klar aufgenommen und die Hintergrundgeräusche etwas reduziert.

(Bild: www.gearank.com)

 

3. Hintergrundgeräusche von den Hintergrundgeräuschen

Häufig ist uns bei Aufnahmen gar nicht bewusst, wie viel eigentlich klingt. Wenn wir zum Beispiel mitten im Pendlerverkehr auf einem belebten Bahnsteig stehen, um einen abfahrenden Zug aufzunehmen, mögen wir zwar das Zuggeräusch sauber aufgenommen haben. Allerdings sind auf der Aufnahme auch die schwatzenden Schulkinder zu hören, die gerade auf Schulreise waren, die Durchsage, dass sich die S7 auf Gleis 4 verspätet, sowie die Baustelle hinter dem Bahnhof, wo gerade ein Presslufthammer im Einsatz ist. Wenn wir wirklich nur einen isolierten Zug brauchen, der vorbeirauscht, macht es vermutlich mehr Sinn, an einem Bahnübergang aufzuzeichnen (ganz abgesehen davon, dass man für Aufnahmen am Bahnhof wie erwähnt eine Bewilligung braucht).

Dasselbe gilt, wenn wir eine ruhige Lichtung gefunden haben und dort Waldgeräusche und Vogelgezwischer aufnehmen, einige Kilometer über uns aber ein Airbus A380 unterwegs ist, so ruiniert das auf der Aufnahme die ganze Idylle. Deshalb ist es wichtig, auf alle Geräusche zu achten, die auf einer Aufnahme hörbar sind. Dabei hilft, bei der Aufnahme immer Kopfhörer am Mikrofon oder Aufnahmegerät einzustöpseln, so hören wir direkt, wie die Aufnahme klingen wird.

 

4. Hello Sunshine...oder eben nicht

Eine weitere wichtige Rolle spielt das Wetter. Denn zum Beispiel Regen ist auf einer Aufnahme immer hörbar, genauso wie Wind. Wenn es stürmt, ist es schwierig bis unmöglich, das Mikrofon draussen so zu isolieren und zu schützen, dass der Wind nachher auf der Aufnahme nicht rauscht und alles andere übertönt. 

Gleichzeitig ist aber auch schönes Wetter “hörbar”. Menschen und Tiere verhalten sich anders, bewegen sich anders und klingen anders, wenn bei 28 Grad die Sonne scheint, als wenn es 2 Grad ist und alle dick eingepackt unterwegs sind. Das ist zwar nicht offensichtlich (beziehungsweise «offenhörbar»), unterbewusst sind diese Unterschiede aber durchaus wahrnehmbar, was die ganze Stimmung stören kann.

 

5. Fake it ‘til you make it

Nun ist das richtige Mikrofon zur Stelle, die Hintergrundgeräusche der Hintergrundgeräusche sind eliminiert oder minimiert und es kann ans Aufnehmen gehen. 

Aber irgendwie funktioniert es doch nicht so richtig. Zum Beispiel klingt Rennen auf Kies einfach nur wie entfernte Schritte, oder gar nicht. Besser klingt es, wenn nicht gerannt wird, sondern einfach nur mit den Schuhen Drehbewegungen im Kies gemacht werden, damit es richtig schön knirscht.

Oder das Kratzen eines Kugelschreibers auf Papier ist deutlich leiser und weniger prominent, als es für ein Hörspiel zum Beispiel wünschenswert wäre. Deutlich lauter und damit effektvoller klingt ein gut gespitzter Bleistift auf Papier. 

Hier darf auch ein bisschen geschummelt werden, das wird schliesslich in praktisch allen professionellen Produktionen so gemacht. Zum Beispiel bei Pferderennen im Fernsehen: Dort wäre es viel zu aufwändig, Mikrofone rund um die Rennstrecke zu platzieren. Deshalb wird über die echte Audiospur des Rennens und der Kommentator:innen einfach das Geräusch einer Büffelherde gelegt, die rennt. (Quelle: BBC) 

Das Geräusch der Lichtschwerter aus Star Wars besteht unter anderem aus dem Störgeräusch, das entstand, als der Tontechniker sein Mikrofon aus Versehen zu nahe an seinen Röhrenfernseher hielt. Oder für das Knirschen von Schnee unter den Schuhen benutzen Tontechniker Beutel mit Maisstärke, die sie kneten. Weitere Beispiele zum ansehen und vor allem anhören gibt’s hier.

Häufig sind die Geräusche, die wir hören, überhaupt nicht das, was in der Geschichte vorkommt. Was aber gar nicht stört, solange es passt.

 

6. Mehrere Tonspuren verwenden

Manchmal hat man eine Geräuschkulisse deutlich vor dem inneren Auge (oder eben Ohr): Ein Nachmittag im Schwimmbad mit spielenden Kindern, Wasserspritzen, dem Plätschern des Wasserspiels und einem Volleyball, der übers Netz gespielt wird. Man packt also die ganze Ausrüstung ein und geht ins Schwimmbad. 

Und dort die Ernüchterung: Leider ist gerade eine Seniorengruppe mit Aquafit beschäftigt, sodass niemand ins Wasser springt. Ausserdem liegt das Volleyballfeld verlassen da und das Wasserspiel wird zur Zeit saniert, also gibt es auch kein Geplätscher.

Glücklicherweise kann man Hintergrundgeräusche aber auch zusammensetzen oder, wie bereits oben erwähnt, auch künstlich erzeugen. Im Schwimmbad kann jetzt zumindest ein gewisses Geplantsche vom Aquafit aufgezeichnet werden. Ausserdem spielen einige Kinder Fangen.

Später wird dann ja vielleicht im nahegelegenen Park Volleyball gespielt, und am nächsten Tag wird im Schwimmbad fleissig ins Wasser gehüpft. Der Brunnen in der Altstadt plätschert ausserdem wunderbar. Nun können immer noch im Nachhinein alle diese Tonspuren übereinander gelegt werden, um genau das Geräusch-Bild entstehen zu lassen, das einem vorschwebt.

7. Eine Sound-Bibliothek anlegen

Für diejenigen, die Soundeffekte nicht nur sporadisch und für einzelne Produktionen brauchen, lohnt sich vielleicht eine Sound-Bibliothek. Dafür kann man im Alltag überall Geräusche sammeln, wenn sie gerade auftauchen. Oder, wenn man nicht ständig ein Aufnahmegerät oder Mikrofon mitschleppen möchte, Aufnahmetage wählen, an denen man ganz viele Effekte auf einmal sammelt. Es macht dabei jeweils Sinn, die Geräusche immer gleich mehrmals leicht unterschiedlich aufzunehmen, um zumindest einen brauchbaren Take zu haben. 

Zum Beispiel kann für das Geräusch eines fahrenden Velos mit verschiedenen Möglichkeiten gespielt werden. Funktioniert es, wenn das Velo einfach geschoben wird, damit das Speichenklicken möglichst hörbar ist? Klingt es gut, auf dem Velo zu sitzen und zu strampeln während der Aufnahme? Oder stört dabei der Fahrtwind? Oder funktioniert es am besten, das Aufnahmegerät auf den Boden zu legen und mehrmals mit dem Velo daran vorbeizufahren? 

Falls man plant, mehrere Geräusche an einem Tag aufzunehmen, sollten sie idealerweise bereits während der Aufnahmen irgendwie katalogisiert werden, damit später die Schneid- und Sortierarbeit einfacher ist (z.B. eine Notiz mit ‘Take 22-27: Velogeräusche’ kann schon viel wert sein, wenn später dutzende Sounddateien sortiert werden müssen). Später macht es Sinn, sie mit allen nötigen Informationen anzuschreiben, z.B. ‘Velo_Boden_10mAbstand’ oder ‘Velo_fahrend’.

 

8. Sich die Arbeit abnehmen lassen

In den Weiten des Internets gibt es schon alle möglichen nur erdenklichen Sound Effects. Beispielsweise YouTube bietet tausende lizenzfreie Geräusche, die ganz einfach heruntergeladen werden können. Wenn also ein Geräusch gebraucht wird, das nicht ganz einfach aufzunehmen oder zu imitieren ist (wie eine Schiffshupe, ein Tigergebrüll oder ein Vulkanausbruch, zum Beispiel), liefert das Internet Hilfe.

Neben YouTube gibt es auch zahlreiche Seiten, die auf lizenzfreie Gratis-Soundeffekte spezialisiert sind, wo es einen fast unendlichen Fundus an Geräuschen hat. So bieten beispielsweise www.freesfx.co.uk, www.99sounds.org oder www.freesound.org alles, was das Hörspiel- oder Audioherz begehrt. Aber Vorsicht: Auch bei diesen Plattformen sollte kurz kontrolliert werden, ob die Geräusche für den geplanten Verwendungszweck zugelassen sind. So dürfen beispielsweise nicht alle Effekte kommerziell verwendet werden.

9. Weniger ist mehr

Wenn erst einmal alle Sounds aufgenommen oder gefunden sind, dann geht es ans Einbauen. Und hier lautet das Motto häufig: Weniger ist mehr. Die Hörer:innen können von zuviel Audio-Untermalung auch fast ein bisschen «erschlagen» werden. Wenn alles klingt und rauscht und kaum einmal Textpassagen ohne irgendwelche Hintergrundgeräusche passieren, dann kann das Zuhören schnell anstrengend werden. 

Natürlich kommt es hier stark darauf an, um welches Format es sich handelt. Bei einem Hörspiel passiert in der Regel viel mehr im Hintergrund, was im Nachhinein eingefügt wird. 

Bei einer Reportage kann es hingegen sein, dass tatsächlich während der ganzen Aufnahme eine gewisse Geräuschkulisse vorhanden war. Hier sollte dann im Nachhinein gar nicht mehr zu viel künstlich eingefügt werden, weil das sonst einen gewissen Overkill erzeugen kann. 

Entscheidend ist ausserdem der Pegel. Solange das Interview oder die Haupttonspur sich deutlich genug vom Hintergrund abheben, kann dieser auch etwas «wilder» sein. Wenn es aber Konzentration braucht, um das Gesagte überhaupt noch zu verstehen, dann sind die Hintergrundgeräusche vermutlich etwas zu viel des Guten.

Noch Fragen? Wir helfen gerne weiter unter info@podcastschmiede.ch oder an einem kostenlosen Beratungstermin.

Andrea draussen Web

Autor

Andrea Blatter

Andrea hat ihre Freude an Geschichten und Worten schon früh entdeckt, als Übersetzerin hat sie sie aber zuerst nur schriftlich zu ihrem Beruf gemacht. Beim Radio hat sie in den letzten Jahren gelernt, ihre Leidenschaft in die Audio-Welt zu übertragen - und genau das macht sie jetzt für die Podcast-Schmiede, mit dem Ziel, für jeden Kunden genau die richtigen Worte zu finden.